Salz 2025
Vorne links auf der Bühne steht eine vogelartige Skulptur. Zwei Lautsprecher bilden ihre Augen. Rechts, etwas zurückgesetzt, die koreanische Fasstrommel Buk. Hinten stehen zwei Stühle.
Die Buk Spielerin betritt in sportlicher Kleidung die Bühne. Sie setzt sich und beginnt vor sich hin zu spielen: Kurze komplexe Rhythmen, gefolgt von einer langen Pause. (Wenn das ein Herzschlag ist, dann von welchem sehr großen Tier oder von welcher ziemlich großen Maschine.)
Sehr langsam erscheint die Sängerin auf der Bühne. Sie trägt ein helles Kleid, mit einer langen Schleppe. Die Schleppe wird von einem Mann und einer Frau gehalten. Sie scheinen der Sängerin zu dienen.
Die Sängerin hat die Mitte der Bühne erreicht und geht nun nach vorn, auf das Publikum zu, bis ganz an den Bühnenrand. Die Frau und der Mann streichen die Schleppe, die jetzt auf einer langen Bahn hinter der Sängerin liegt, glatt, und setzen sich dann auf die Stühle.
Die Buk Spielerin hat ihre Muster währenddessen fortgesetzt. Sie ähnelt einer Person, die im Auto sitzt und nur auf die Straße vor ihr und das Fahren konzentriert ist. Nun, nachdem die Sängerin an ihrem Platz angekommen ist und sich die Frau und der Mann gesetzt haben, hört man Geräusche aus den Lautsprechern. Es klingt wie eine Umgebung, oder mehere, so dass der Ort nicht wirklich identifizierbar ist. Außerdem ein nervöses hohes Geräusch, wie unregelmäßige Stiche, mit viel Nachhall, wolkig.
Die Sängerin beginnt zu singen und zu sprechen. Es scheint sich um Bruchstücke verschiedener Herkünfte zu handeln, auf koreanisch. Mal leise, für sich, mal nach außen gerichtet. Auch sie ist allem Anschein nach in ihrer eigenen Welt, vom Publikum wie durch eine Scheibe getrennt.
Plötzlich klatscht sie in die Hände und dreht sich nach rechts, zu der vogelartigen Skulptur. Auch die Buk Spielerin, die genau im selben Moment den Rand der Trommel mit einem hellen Schlag getroffen hat, erstarrt, und schaut auf die Skulptur.
Man hört, aus den Lautsprecheraugen der Skulptur, etwas wie Flüstern, ohne dass mehr als Wortfetzen identifizierbar wären. Das geht eine kurze Weile; dann bricht es ab. Sängerin, Schlagzeugerin und Umgebungsklänge setzen wieder ein.
In dem nächsten dieser Abschnitte, Phasen, die jeweils mit dem Klatschen in die Hände, dem Anhalten, dem Flüstern der Skulptur enden, erhebt sich die Frau von ihrem Stuhl, nähert sich sehr langsam von hinten der Sängerin, und öffnet ihr das Haar. Die Sängerin nimmt keine Notiz davon. Die Frau setzt sich wieder; sie hat ihre Arbeit getan. Zwei Abschnitte später erhebt sich der Mann. Er trägt eine Gewichtsweste über seiner Kleidung. Auch er nähert sich sehr langsam von hinten, zieht die Gewichtsweste aus und legt sie der Sängerin über die Schultern. Sie fühlt die Last, nimmt aber weiter keine Notiz davon. Der Mann setzt sich; er hat seine Arbeit getan.
Die Musik hat sich derweil zu verschiedenen Seiten gewendet. Die Umgebungsklänge und Stiche wechseln; es gibt verschiedene Kombinationen; manche Konstellation wiederholt sich, doch immer wieder erscheint auch neues. Eine Schicht wird im Verlauf deutlicher: Es scheint, dass die Rhythmen der Buk auf der Bühne eine Art Antwort aus den Lautsprechern bekommen. Der Klang ähnelt einer Baumtrommel, groß, holzig. Die Sängerin wiederum scheint sehr verschiedene Phasen zu durchleben. Mal ist sie ruhig, mal aufgeregt, mal für sich, mal nach außen gerichtet, mal schreit sie, mal lächelt sie. In welcher Welt ist sie, was sieht sie vor sich, während wir sie sehen?
Im letzten Zyklus erheben sich beide, Frau und Mann, und treten sehr langsam von hinten heran. Sie nehmen die lange Schleppe der Sängerin und stülpen sie ihr wie in Zeitlupe über den Kopf. Die Innenseite entpuppt sich als schwarz. Stück für Stück arbeiten die beiden, bis die Sängerin ganz verdeckt ist. Sie fährt fort mit ihren Äußerungen, nun schon fast zur Statue geworden. Mann und Frau setzen sich.
Irgendwann erfolgt wieder das Klatschen in die Hände. Doch nun ist es unhörbar, denn Stoff ist jetzt zwischen den Händen der Sängerin. Die Buk Spielerin schlägt die Trommel, doch lautlos. Aus den kleinen Lautsprechern der vogelartigen Skulptur kommt kein Flüstern mehr; nur noch ein einzelner, gebrochener, hölzerner Klang- Das Licht wird für eine Zeit gleißend hell, dann erlischt es.
↗Partitur (folgt noch ...)
↗Programmheft der Premiere mit Programmtext
Video zur Aufführung in Hannover 22 November 2025
Video zur Aufführung in Bremen 29 November 2025
Trailer zum Projekt Pansori Prismen November 2025